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Passender Fahrradsattel für Frauen

Verfasst am 01.07.2021


Experten-Interview mit Uli Plaumann und Lea Feder

Uli Plaumann vom Radlabor München und Lea Feder von "WAY TO WIN" sind Profis in Sachen Bikefitting und der passenden Fahrradeinstellung. Tagtäglich helfen Sie nicht nur Männern, sondern auch Frauen die Fahrräder richtig und vor allem ergonomisch einzustellen und Probleme zu lösen. Vor allem rund um das Thema "Frauen und Fahrradsattel" haben beide viel Erfahrung.

Im folgenden Interview geben die beiden Frauen Tipps und erzählen uns, worauf Frauen ganz besonders achten sollten: 


Persönliche Vorstellung:

Uli: "Ich bin Uli Plaumann, Sportwissenschaftlerin und Laborleitung im Radlabor München. Dort beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem Thema Bike Fitting, Diagnostik und Training." 

Lea: "Ich bin Lea Feder, Gründerin und Geschäftsführerin von WAY TO WIN - einem Dienstleistungsunternehmen im Bereich Ausdauertraining mit dem Schwerpunkt Radtraining. Es geht dabei nicht nur um Leistungsverbesserung, sondern um die langfristige Zufriedenheit unserer Kunden durch das Erreichen sportlicher Ziele im Einklang mit den anderen Lebensbereichen. Aus diesem Grund verbinden wir Ernährung und Athletik mit dem klassischen Ausdauertraining und bieten darüber hinaus auch Dienstleistungen wie ergonomisches Bikefitting an. Ich habe einen Bachelor in Bioinformatik und bin bald mit meinem Staatsexamen der Humanmedizin fertig. Privat kam ich ursprünglich vom Handball als Quereinsteigern zum Rad-Leistungssport. Mittlerweile hat jedoch WAY TO WIN Vorrang und ich fahre nur noch zum Ausgleich Rad. Meine Mission mit meinem Team von WAY TO WIN ist es, möglichst vielen Menschen ein tiergehendes Verständnis für ihren Körper zu vermitteln, um sportliche Ziele nicht nur schnell, sondern auch nachhaltig und mit Spaß zu erreichen." 


Worauf muss eine Frau bei der Wahl eines Fahrradsattels achten?

Uli: "Zuerst sollte eine Frau ihren Sitzbeinhöckerabstand messen. Danach ist es wichtig, in welcher Position die Frau auf dem Rad sitzt – ist es eine sehr sportliche Position, in der die Hüfte weit nach vorne rotiert oder eher eine aufrechte Position wie auf einem MTB oder Trekking-Rad. Danach kann dann ausgewählt werden, welche Breite der Sattel für die individuelle Position haben soll."

Lea: "Das Wichtigste ist aus meiner Sicht die richtige Sattelbreite. Bei Frauen ist das deshalb ein größeres Thema als bei Männern, weil sie im Durchschnitt breitere Becken und damit auch größere Sitzknochenabstände (bis zu 18 cm) haben und viele Radhersteller standardmäßig eher schmale Sättel montieren, die für männliche Becken (ab 6 cm) geeignet sind."

zur Sitzknochenvermessung

Was sind typische Probleme bei Frauen & Fahrradsattel? Wie können diese vermieden werden?

Uli: "Das häufigste Problem, dass ich im Labor erlebe, ist, dass viele Sättel für Frauen zu schmal sind und sie sich häufig mit der Aussage trösten müssen, dass „es weh tun muss“! Das muss es meiner Meinung nach nicht. Vermieden werden können diese Probleme, indem man gleich zu Beginn des Radkaufes den Sattel an die Frau und an die Position anpasst, so kann man sich unangenehmes hin und her Rutschen auf dem Sattel ersparen und hat von der ersten Umdrehung auf dem Rad ein angenehmeres Gefühl."

Lea: "Im Grunde sind das ähnliche Probleme wie bei Männern: Sitzt man zu wenig auf den knöchernen Strukturen wie den Sitzknochen und den Schambeinkufen und zu stark auf den Weichteilen, können Taubheitsgefühle und Hautreizungen auftreten. Bei Männern sind das üblicherweise Entzündungen der Haut und bei Frauen wunde Stellen im Genitalbereich. Zudem treten bei Mann und Frau Hautreizungen wie Entzündungen und Pickelbildung im Bereich der Sitzknochen auf, wenn die Sitzposition instabil ist. Die Basis zur Problembehebung ist ein Sattel der richtigen Breite. Zusätzlich muss auf die passende Sattelform, die richtige Sitzhöhe und eine angepasste Sitzlänge und Überhöhung geachtet werden. Wir sind sogar der Meinung, dass man unter den gängigen unisex-Sätteln sowohl für Männer als auch für Frauen fast immer einen passenden Sattel finden kann. Es braucht jedoch ein geschultes Auge, eine große Auswahl an Sätteln und im Idealfall auch eine Sattel-Druckmessfolie im Rahmen eines Bikefittings. Zudem ist ein gewisses Maß an Beweglichkeit eine Voraussetzung für sportliche Sitzpositionen. Aus diesem Grund ist ein Athletiktest Teil des Bikefittings bei WAY TO WIN."  

Warum reden Frauen oftmals über Probleme wie Wundreiben, Schmerzen und Taubheit im Genitalbereich nicht?

Uli: "Weil es ein Tabu-Thema für viele Frauen ist. Oftmals ist es für sie angenehmer, wenn sie mit einer anderen Frau darüber reden können. Leider höre ich auch oft die Annahme, dass Frauen immer Probleme auf dem Sattel haben und nicht schmerzfrei fahren können, das läge dann an ihnen und ihrer Schmerzempfindlichkeit."
 
Lea: "Ein Großteil der Bikefitter und Radverkäufer ist männlich. Ich denke, dass viele Frauen sich deshalb nicht trauen, über diese Themen zu sprechen. Einige unserer Kundinnen bitten aus diesem Grund darum, von Johanna, unserer Dame im Bikefitting-Team, gefittet zu werden." 

Sind Frauen häufiger von Problemen betroffen?

Uli: "Gute Frage – ich würde sagen ja, aber relativ gleichmäßig verteilt."
 
Lea: "Frauen fahren häufiger mit deutlich zu schmalen Sätteln, da ihr Sitzknochenabstand im Durchschnitt breiter ist als der von Männern. Das führt dazu, dass die Probleme, die gleichermaßen bei Männern und Frauen auftreten bei Frauen häufig etwas stärker sind." 

Was muss eine Frau beachten, wenn Sie Schmerzen am Schambein haben? Was bei Schmerzen am Steißbein?

Uli: "Schmerzen im Schambein haben ihren Ursprung häufig von zu schmalen Sätteln. Hier empfehle ich wiederrum eine Messung der Sitzhöcker, um dann die Breite des aktuellen Sattels zu checken. Eine weitere Ursache könnte eine falsche Sitzhöhe und Sattelposition auf dem Rad sein, dadurch ändert sich die Rotation der Hüfte, wodurch Schmerzen im Schambein begünstigt werden können. Letzte Ursache – und seltenste Ursache – könnte eine zu schwache Lendenmuskulatur sein, sodass die Hüfte nach vorne klappt (ähnlich einem Hohlkreuz auf dem Rad), sodass die Muskulatur zu schwach ist, die Hüfte zu stabilisieren. 
Schmerzen im Steißbein kommen meistens von zu weichen Sätteln. Das Problem tritt am häufigsten bei aufrechteren Sitzpositionen (Citybike, Trekkingrad, MTB) auf. Der Sattel ist oft sehr weich, gelartig – mit absolutem „Sofagefühl“. Nach etwa 20-30 Min senkt sich der Körperschwerpunkt tiefer ab, sodass das weiche Gel des Sattels in die Genitalien drückt und so auch Kontakt zum Steißbein findet – das reagiert sehr schnell mit unangenehmen Schmerzen. Mein Tipp, einfach mal mit dem Daumen in den Sattel drücken, wenn der Daumen es schafft, 1-2cm tief in den Sattel zu drücken, dann kann man sich vorstellen, wie tief die Sitzhöcker einsinken. Eine weitere Ursache für Schmerzen im Steißbein kann von einem zu schmalen Sattel kommen – Grund: um den Druck im Schambein zu reduzieren, wird die Hüfte häufig nach hinten gekippt, sodass der Rücken rund wird und das Steißbein unter Umständen Kontakt zum Sattel bekommt." 

Lea: "Bei Schmerzen am Schambein liegt die Vermutung nahe, dass der Sattel zu schmal ist, oder dass die Position zu sportlich ist. Unsere Sitzbeinhöcker sind im Gegensatz zu den Schambeinkufen dafür ausgelegt, unser Gewicht zu tragen. Ist der Sattel zu schmal, so verlagert sich das Gewicht nach vorne auf die Weichteile oder die Schambeinkufen, je nach Sattelmodell. Ist die Position zu sportlich (zu lang/zu viel Überhöhung), kann es passieren, dass man auf dem Sattel nach vorne rutscht. Vorne sind Sättel deutlich schmaler als hinten, was zu dem selben Problem führt, wie bei einem zu schmalen Sattel. Natürlich kann das bspw. bei einem Triathlonsattel gewünscht sein. Triatlonsättel sind hierfür jedoch entsprechend angepasst und auf einem Triathlonrad fährt man üblicherweise keine langen entspannten Ausfahrten, weshalb sich die Probleme hier meist in Grenzen halten. 
Schmerzen im Steißbein kommen oftmals nicht vom Sattel, sondern von Verspannungen im Ileosakralgelenk. Hier ist es wichtig, die rückseitige und innenseitige Oberschenkelmuskulatur zu mobilisieren. Des Weiteren kann es sein, dass gerade bei sportlichen Fahrern der Sattel nicht früh genug schmal wird und die Ansätze der Rückseitigen Oberschenkelmuskulatur eingeklemmt wird. Diese entzünden sich und können zu massiven Verspannungen des ISG führen." 

Lochsattel – Was sagst Du dazu? 

Uli: "Kann passen, tut er aber selten. Grund ist, dass das Loch häufig direkt im Schamlippenbereich ist. Natürlich kann da kein Druck entstehen, wo kein Gewebe ist – aber schaut man sich die Stege des Sattels mal genauer an, sind diese meist sehr schmal und durch die Naht sehr hart, sodass hier schnell unangenehme Druckspitzen direkt an den sensiblen Schamlippen entstehen können. Wenn jemand anatomisch direkt auf diese Stellen passt, dann kann der Sattel super passen, häufiger ist jedoch, dass kein Loch die angenehmere und bessere Wahl für Frauen ist."

Lea: "Hier muss man wissen, dass dieser die Ursache des zu stark belasteten Genitalbereiches nicht löst, sondern nur das Problem verlagert. Die Ursache wird dadurch nicht behoben: Sitzt man nicht gut auf den Sitzknochen, führt ein Lochsattel nur dazu, dass sich die Hautreizungen entlang der Schambeinkufen ausweiten. Es kann eine Übergangslösung sein, wenn so wenig Mobilität im Becken vorhanden ist, dass man bei einer gewissen Sportlichkeit der Position nicht mehr auf den Sitzknochen sitzen kann, jedoch sollte hier das Augenmerk auf die Beweglichkeit gerichtet werden, um die Ursache des Problems zu beheben. Auch hier kann ein Bikefitter konkrete Empfehlungen für geeignete Übungen geben." 

Ergänzung SQlab:

Externe Studienergebnisse zum Thema "Frauen- & Lochsattel"

Was sind deine persönlichen, beruflichen Erfahrungen mit Frauen & Fahrradsattel?

Uli: "Frauen, die zu mir ins Labor kommen, haben sich schon mit dem Problem Fahrradsattel beschäftigt und haben meistens auch Probleme. Nichtsdestotrotz würde ich gerne auch die Frauen ansprechen, die genau dieselben Bedenken haben, aber sich nicht trauen, oder es nicht für nötig halten, das Problem „Sattel“ anzugehen. Für viele Frauen ist es ein erlösendes Gefühl, keine oder weniger Schmerzen auf dem Sattel zu verspüren, vom Rad abzusteigen und nicht darüber nachzudenken, ob der Sattel weh tut oder nicht."

Lea: "Ich habe sehr lange nicht verstanden, dass ich auf die richtige Sattelbreite achten muss. Stattdessen habe ich früher versucht, meine Sitzprobleme mit Gelsätteln zu beheben, oder habe die Sattelneigung verstellt und bekam diese Ideen mit Rückenschmerzen und Taubheitsgefühlen quittiert. Mit einem Sattel in der richtigen Breite und der passenden Form, ist es mir egal, wie hart der Sattel ist und ich kann ihn komplett waagrecht fahren. Ich bevorzuge sogar die härteren Sättel, weil ich damit einen besseren Halt und damit eine bessere Kraftübertragung habe." 
Wenn Du die Beziehung zwischen Frau & Fahrradsattel verbessern könntest, was würdest Du tun? 

Uli: "Ich tu jeden Tag mein Bestes ! Ich würde mir wünschen, dass gleich zu Beginn des Radkaufes immer darauf hingewiesen wird, dass der Sattel passen kann, aber nicht muss. Dass man mit sehr einfachen Mitteln seinen Sitzbeinhöckerabstand messen kann und so schon mal eine individuelle Sattelauswahl treffen kann. Für Frauen ist es super wichtig, dass sie sich nicht von unqualifizierten Kommentaren über Schmerzempfindlichkeit einschüchtern lassen und auch über ihre „Tabu“-Themen reden können und ernst genommen werden." 

Lea: "Die Standard-Sattelbreite auf Neurädern sollte gerade für Frauen etwas breiter gewählt werden. Manche Radhersteller montieren bereits breitere Sattel auf kleinen Rahmengrößen, aber die große Mehrheit der Hersteller ist hier noch nicht ausreichend sensibilisiert. Idealerweise hat der Radverkäufer die Möglichkeit, den Sitzknochenabstand zu messen und direkt einen Sattel in der richtigen Breite zu verkaufen. Immer mehr Radhändler bieten diesen Service bereits an."
Du fährst privat auch viel Fahrrad. Auf was achtest Du selbst und wie sind deine Erfahrungen mit Problemen?

Uli: "Ich hab keine Probleme mehr, egal ob ich 3000hm oder 300km auf dem Rad sitze. Aber das war nicht immer so. Ich war im Studium viel als Guide auf vielen unterschiedlichen Rädern mit unterschiedlichen Sätteln unterwegs. Ich hab mich nach einer Tour so wund gescheuert, dass alle meine Lymphknoten im Körper angeschwollen sind und ich 3 Tage Infekt ähnliche Symptome hatte. Das hat mich ziemlich erschrocken. Ein paar Tränen und KM später beschäftige ich mich täglich mit diesen Problemen. Ich selbst fahr auf meinem Gravel-, Crossrad und MTB den SQlab 612 Ergowave® in 15cm. Ich trage ausschließlich SQlab Hosen (SQ-Short One12 in der Größe S), weil sie für mich perfekt passt, ich mag die Träger, weil sie verhindern, dass die Hose verrutscht und hab damit keine Beschwerden mehr. Natürlich tut mir auch mal die Haut weh, vor allem wenn ich mehr als 5 Tage für mind. 5h / Tag im Sattel sitz oder bei einem Alpen Cross, wenn ich einen Rucksack trage. Eine meiner größten Leidenschaften ist das Radfahren und ich bin jeden Tag im Auftrag unterwegs, den Radfahrerinnen, die zu mir kommen, diese Botschaft zu vermitteln."


Lea: "Neben den oben beschriebenen Punkten im Bezug auf die richtige Sattelwahl kann ich folgende Tipps geben: 
1. Fahre eine Radhose nicht zu lang. Der Polster sitzt sich durch und kann seine Funktion nicht mehr erfüllen. Spätestens nach einem Jahr sollte eine Radhose nicht mehr getragen werden. 
2. Viele Hersteller Empfehlen eine Maschinenwäsche bei 30 Grad. Das entfernt Bakterien nicht und führt dazu, dass sich in den Polstern ein richtiges Eigenleben ansiedelt. Ich wasche meine Hosen immer mit Hygienespüler und lege die Polster sogar regelmäßig vor dem Waschen in Hygienespüler ein. So lassen sich Hosen wirklich desinfizieren. 
3. Sitzcreme im Bereich der Haut über den Sitzknochen verwenden. Antibakterielle Sitzcreme reduziert die Scherkräfte auf die Haut, minimiert die Bakterienansammlung im Polster und eignet sich auch nach dem Duschen für die Hautdesinfektion. 
4. Ich saß lange zu hoch. Auch das kann unabhängig vom Sattel zu Rückenschmerzen und Sitzproblemen führen, weil man auf dem Sattel keine Stabilität findet und immer minimale Scheuernde Bewegungen stattfinden. Sehen kann man das an der Abnutzung der Radhose von außen. 
5. Genug trinken. Ich kenne viele Frauen, die über trockene, schmerzende Schleimhäute und schmerzen beim Wasserlassen gerade nach langen Ausfahrten im Sommer klagen. Ich werde oft angesprochen mit dem Satz: "Ich denke nach langen Ausfahrten immer, dass ich eine Blasenentzündung bekomme, aber am nächsten Tag geht es wieder." Grund dafür ist oftmals schlichtweg ein Wassermangel."